Anreisetag war Donnerstag, der 25.November. Schon während der Anreise im TGV und dann bei der Ankunft im Gare de l’Est ergaben sich die ersten Kontakte unter den Reiseteilnehmern, sodass auch die, die sich noch nicht in Paris auskannten, ohne Probleme mit der Metro zum Foyer le Pont kamen. Da bis zum gemeinsamen Beginn um 18 Uhr noch reichlich Zeit war, lud Elisabeth Fetzer (Ortsverein Geislingen/Steige) zu einem Spaziergang zum Friedhof Montparnasse ein, der unter ihrer kenntnisreichen Führung zu einem interessanten Einblick in die Kulturgeschichte von Paris wurde – angefangen hatte Ihre Verbindung zu Paris vor vielen Jahren mit einem Au-Pair-Aufenthalt.
Nach der offiziellen Begrüßung stellte zunächst Britta Fink-Francois das Haus vor, sie ist im Foyer le Pont für die Gruppenbetreuung zuständig. 1968 wurde das Haus als Wohnheim vor allem für Mädchen aus Deutschland eröffnet, schon einige Zeit vorher hatte der „Verein für Freundinnen junger Mädchen“, heute vij (Verein für internationale Jugendarbeit) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gemeinde die Fürsorgearbeit für Au-Pair-Mädchen aus Deutschland begonnen. Das Foyer le Pont wurde zu einem wichtigen Zentrum dieser Arbeit, da viele Mädchen nach Paris kamen, um dort erst eine Au-Pair-Familie zu suchen und dringend zunächst eine sichere Unterkunft brauchten. Der vij, die deutsche Gemeinde und die Evangelische Kirche im Rheinland waren gemeinsame Träger des Hauses, die Geschäftsführung lag in Händen des vij. Nachdem die zunächst sehr große Zahl deutscher Au-Pairs in Paris kleiner wurde, wurde das Foyer le Pont 1998 zu einem Tagungshaus umstrukturiert in der Trägerschaft der Ev.Kirche im Rheinland unter Mitarbeit der Aktion Sühnezeichen, der vij schied aus und hat jetzt ein Büro im Nebenhaus gemietet. Die Leitung der Au-Pair-Arbeit für den vij liegt in den Händen von Verena Stehr, die allerdings gerade in den Mutterschutz gegangen ist und von Dorothea Lorenz vertreten wird. Mit einem guten Abendessen im Restaurant „Au Moulin Vert“ und einem gemütlichen Beisammensein im Kaminzimmer des Foyer le Pont klang der erste Tag aus.
Der zweite Tag stand ganz im Zeichen der Information. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde der Reiseteilnehmerinnen und Reiseteilnehmer berichtete Dorothea Lorenz über die Situation der Au-Pair-Arbeit. Noch vor wenigen Jahren gab es etwa 500 deutsche Au-Pair-Mädchen in Paris, jetzt sind es etwa 90. Früher suchten viele Mädchen ihre Stelle mit Vermittlung des vij, nachdem sie nach Paris gereist waren, heute finden die meisten Vermittlungen über das Internet statt, allerdings wird die Beratung durch das vij nach wie vor sehr geschätzt. Wichtig ist vor allem auch, dass viele Familien, die Au-Pairs suchen, dem vij bekannt sind. Seit es Facebook gibt, sind auch die Kontakte der Au-Pairs untereinander nicht mehr auf Treffpunkte wie das vij angewiesen – Veraredungen für die Freizeit können so direkt stattfinden. Natürlich gibt es immer wieder auch Probleme und in solchen Fällen ist es sehr wichtig, dass die Au-Pairs Beratung und Hilfe finden können.
Anschließend berichteten 4 Au-Pair-Mädchen über ihre Erfrahrungen nach den ersten Monaten ihrer Arbeit – zwei sind bei Familien im Stadtzentrum, zwei in einer der Vorstädte. Insgesamt wurde die Lebenssituation in der Stadt als schwieriger empfunden, aber die jungen Frauen machten in ihren Berichten deutlich, dass sie sich den Herausforderungen stellen. In der Regel sollten die Kinder in den Familien schon das Vorschulalter erreicht haben, die wöchentliche Arbeitszeit soll etwa 30 Stunden betragen, ein eigenes Zimmer muss vorhanden sein (in der Stadt ist das in der Regel im Dachgeschoss), Verpflegung, Fahrkarte und 280 € stehen den Au-Pairs zu. An den Schultagen begleiten die Mädchen die Kinder zur Schule bzw. zum Kindergarten und holen sie wieder ab, dazwischen ist frei. Keine freie Zeit gibt es am Mittwoch, der schulfrei ist und für die Kinder in der Regel mit besonderen Aktivitäten (Sport, Musik etc) gefüllt ist.Am Nachmittag berichtete Pfarrerin Claudia Weik-Schäfer über die Geschichte der deutschen Gemeinde in Paris und über ihre Arbeit in der Christuskirche, wo seit etwas mehr als 8 Jahren ihr Mann Markus Schäfer eine ganze und sie eine halbe Pfarrstelle versieht. Demnächst wird ein Wechsel anstehen, da die Auslandspfarrstellen auf 6 Jahre befristet sind und höchstens 3 Jahre verlängert werden können.
1894 konnte für die deutsche evangelische Gemeinde die Christuskirche in der Rue Blanche (9. Arondissiment) gebaut werden, sie steht nicht direkt an der Straße, sodass später ein Gemeindehaus zwischen Kirche und Straße gebaut werden konnte. Das französische Vereinsrecht verbietet der Gemeinde soziale und musikalische Aktivitäten außerhalb des Kultus (Gottesdienst). Die Gemeinde ist also ein Verein und muss auch für die Gehälter aufkommen (derzeit zahlt die EKD noch 12%, das soll aber abgeschmolzen werden). Derzeit gibt es ca. 850 zahlende Mitglieder (Einzelpersonen 110 €, Familien 400 €, viele zahlen wesentlich mehr), Kasualien für Nichtmitglieder kosten 250 €.
Seit den Fünfziger Jahren ist die Gemeinde in der Au-Pair-Arbeit engagiert, zunächst war sie einzige Zufluchtsstätte für Au-Pairs, die in Not geraten sind. Jeden Dienstagabend bietet die Gemeinde ein Au-Pair Treffen an – das ist gewissermaßen die Jugendarbeit der Gemeinde. Früher kamen regelmäßig 40-45, jetzt 20-25 – gewissermaßen der „harte Kern“
Aufschlussreich waren die Bemerkungen über das Schulsystem in Frankreich: ein hoher Leistungsdruck für die Kinder, die Bildungsziele sollen so schnell wie möglich erreicht werden (Auslandsaufenthalt ist Luxus), insgesamt ist die Erziehung in Frankreich viel strenger, in besseren Verhältnissen werden die Eltern mit „Sie“ angesprochen, Schläge sind akzeptiertes Erziehungsmittel. Der Kindergarten ist ecole maternell – Kinder können in der Regel vor Schulbeginn Lesen und Schreiben. Religionsunterricht gibt es in Frankreich nicht, auch keine „Ethik“ – der Mangel an entsprechender Bildung ist spürbar. Für viele Deutsche, die in Paris leben (vor allem Frauen, die französische Männer geheiratet haben) ist die Gemeinde ein Stück Heimat. Insgesamt gibt es in Frankreich 1,8% Protestanten, 70 % der Bevölkerung gehören offiziell der katholischen Kirche an, aber nur wenige sagen von sich: „je suis practicant“.
Nach einer Besichtigung des vij-Büros im Nachbarhaus, 84, rue de Gergovie, das durch den tatkräftigen Einsatz von zwei Reiseteilnehmern, Herrn Wever und Herrn Funk, ein schöneres und praktischeres Outfit bekommen hat, gab es vor dem Abendessen noch Zeit für einen kleinen Einkaufsbummel. Nach dem Abendessen im Restaurant „Le Laurier“ gab es wieder ein gemütliches Zusammensein.
Der Samstag war weitgehend der Kultur gewidmet. Am Vormittag führte Dorothea Lorenz unsere Gruppe kenntnisreich und einfühlsam durch das Rodin-Museum. Anschließend war Gelegenheit, Paris zu erleben.
Der größere Teil unserer Gruppe ging vorbei am Invalidendom über die Alexanderbrücke zur Champs Elysees, auf der ein weiträumiger Weihnachtsmarkt aufgebaut war. Anschließend trafen wir uns im Haus Foyer Porta, 14, Rue Pierre Demours, einem Mädchenwohnheim der katholischen Kirche, das von IN VIA, Kathol.Mädchen- und Frauensozialarbeit, betrieben wird. 1964 wurde dieses Haus eingeweiht, das auf katholischer Seite etwa die gleichen Ziele verfolgt wie der vij. Hier befindet sich ein Wohnheim mit ca 70 Betten, die Au-Pair-Beratung und ein Au-Pair-Stammtisch, außerdem wird ein Kulturprogramm für die Bewohnerinnen und Gäste angeboten. Die Mitarbeiterinnen des Hauses gehören einem saekularen Orden an, tragen keine Tracht, haben aber die drei zentralen Gelübde abgelegt. Frau Marie Lore, die neue Leiterin des Hauses (bisher Frau Paßlick), gab uns interessante Einblicke in die Arbeit und in die Geschichte dieses „saekularen Ordens“, der zu einer Zeit den Gedanken eines Diakonats der Frauen vertrat, als das in der katholischen Kirche durchaus ungewöhnlich war (1948). Nach einer Besichtigung des Hauses und der schönen Kapelle machten wir uns auf den Weg zum Eifelturm, von wo aus wir eine schöne abendliche Fahrt auf der Seine mit dem Bateau mouche unternahmen.Am Sonntag machten wir uns auf den Weg zur Christuskirche, wo wir einen sehr schönen Adventsgottesdienst erlebten und anschließend ein Gemeindefest mit Adventsbazar und Flohmarkt. Der ganze Altarraum der Kirche war mit Adventskränzen mit roten Kerzen gefüllt - die wurden auf Bestellung von einer Gruppe aus der Gemeinde gebunden und waren offensichtlich ein begehrtes Objekt. Um 14 Uhr trafen wir uns vor der Kirche zu einer Führung durch das protestantische Paris. Der Weg führte vom Platz der Bastille über den eindrucksvollen Vogesen-Platz zur Kirche St.Paul – angebunden an bestimmte Plätze und Denkmäler wurde uns mancher Einblick in die schwierige Geschichte des Protestantismus in Paris gegeben. Zum Abendessen gingen wir noch einmal in die Pizeria „Nelli“ wie am abend zuvor.
Am Montag berichtete Sigrid Schneider-Grube noch einmal über die Zusammenhänge der vij-Arbeit in Paris. Nach dem Krieg lebten viele junge Frauen aus Deutschland in Paris, etwa gleichzeitig wurden von evangelischer und katholischer Seite der Versuch gemacht, den Frauen, die in Not geraten waren, zu helfen. Die katholischen Kirche konnte ein Haus kaufen, die Evangelischen hatten zunächst nur eine Wohnung in der rue Pernety zur Verfügung, die aber ständig überbelegt war. Durch eine von dem Präsidenten des Diakonischen Werkes Schober angeregte Kollekte kam fast 1 Mill. DM zusammen, das Auswärtige Amt gab einen Zuschuss von 400000 DM, das Haus kostete mit Umbau 1,8 Mill. DM, die Trägerschaft des Hauses hatte der vij, erste Leiterin war Ingrid Heinrich-Rohrbach. Dem Verwaltungsrat gehörte neben dem vij die Christuskirche und die Ev.Kirche im Rheinland an. Im Haus gab es 3 Personalstellen, bis 2008 gab es Zuschüsse vom Auswärtigen Amt. Da das Haus in der bisherigen Form (Wohnheim und Anlaufstelle für Au-Pairs) sich nicht wirtschaftlich führen ließ (der Verein hatte große Defizite angesammelt), wurde es unter der Regie der Rheinischen Kirche in eine Begegnungsstätte umgewandelt – der vij wurde überstimmt. Der Durchgang zum Au-Pair-Büro des Vereins, das im Nebenhaus in den Räumen einer ehemaligen Metzgerei eingerichtet worden war, wurde zugemauert, die Heizung für diesen Raum wurde gekappt. Inzwischen gibt es zwischen dem Haus und dem vij wieder bessere Beziehungen. Wie es weitergehen soll, ist noch unklar, der Mietvertrag für den Raum des vij läuft zum 31.1.2011 aus. In jedem Fall will der vij die Arbeit, zusammen mit der Christuskirche, weiterführen (die Christuskirche darf diese Arbeit von sich aus nicht führen!) Der Zuschuss vom AA (20 - 30 000 Euro pro Jahr) wurde Ende 2008 gestrichen, weil die Notsituation der 60-Jahre nicht mehr gegeben ist. Die Vermittlungsstelle des vij muss sich aus eigenen Einnahmen (von den Familien und den Mädchen) finanzieren, 80-100 Vermittlungen fallen jährlich an (früher 500-600), die Stelle ist nur noch an 2 Tagen wöchentlich geöffnet. Dennoch sieht der vij die Notwendigkeit und die Möglichkeit, die Arbeit fortzuführen.
Mit dem Dank an alle, die zum Gelingen der Reise wichtige Beiträge geleistet haben, vor allem an Sigrid Schneider-Grube und Ruth Wever, und einer kurzen Andacht schloss der offizielle Teil.
Vertraut den neuen Wegen
Und wandert in die Zeit.
Gott will, dass ihr ein Segen
Für seine Erde seid.
Der uns in frühern Zeiten
Das Leben eingehaucht,
Der wird uns dahin leiten,
Wo er uns will und braucht. (EKG 385,2)
Nach dem offiziellen Abschluss blieb uns noch etwas Zeit – es reichte zu einem Besuch in der eindrucksvollen Kirche Notre Dame. Die Heimreise war dann etwas abenteuerlich – bei zwei Reiseteilnehmerinnen funktionierten die U-Bahn-karten nicht (natürlich waren es die jeweils letzten und man verlor Zeit, neue Karten zu lösen). Am Gare de l’Este war der TGV unauffindbar – die elektronische Anzeige, mit der der Bahnsteig angezeigt werden sollte, war defekt. Nach vielem Hin- und Herlaufen wurde der Zug auf Gleis 4 schließlich doch entdeckt – natürlich gab es nun beim Einsteigen lange Warteschlangen. Vorher hatte offenbar schon der Zug selbst ein Problem – in einem Wagen der 1.Klasse war ein Fenster geborsten, die Fahrgäste dieses Wagens (offenbar auch Ruth Wever und ihr Mann) haben bitter gefroren.
Die Fahrt durch die herrlich verschneite Landschaft, in der man wunderschön viele Rehe auf den Feldern sehen konnte, zwang den Zug, das Tempo zu drosseln. Mit etwa einer Stunde Verspätung kamen wir in Stuttgart an. Aber es war doch eine wunderschöne Reise.
Brunhilde und Jürgen Peylo








